Was sind Lebensbereiche?

Der Begriff »Lebensbereich« wurde vom deutschen Gärtner und Botaniker Richard Hansen und dem Landschaftsarchitekten Friedrich Stahl geprägt. In ihrem Standardwerk »Die Stauden und ihre Lebensbereiche in Gärten und Grünanlagen« (1981, mehrfach überarbeitet) entwickelten sie ein Klassifikationssystem, das Stauden nicht nach botanischen Merkmalen, sondern nach ihrem natürlichen Lebensraum ordnet.
Die Kernidee: Jede Staude hat sich in der Evolution an ganz bestimmte Standortbedingungen angepasst – an bestimmtes Lichtangebot, Bodenfeuchte, Humusgehalt und Konkurrenzsituation. Wer eine Staude in einen Lebensbereich pflanzt, der ihrem natürlichen Ursprung entspricht, braucht kaum zu pflegen. Die Pflanze gedeiht von allein

💡Das Prinzip auf einen Nenner gebracht

»Der richtige Standort für die richtige Pflanze« – nicht Pflege und Chemie, sondern die ökologische Passung entscheidet über dauerhaften Gartenerfolg. Lebensbereiche sind das Werkzeug, um diese Passung systematisch herzustellen.

Aufbau des Lebensbereich-Systems

Das System unterscheidet acht Hauptlebensbereiche, die von vollsonnigen, trockenen Standorten bis hin zu schattigen Waldbereichen und Wasserufern reichen. Jeder Lebensbereich wird durch drei entscheidende Parameter beschrieben:
Licht: Vollsonnig, sonnig, halbschattig oder schattig – gemessen in Lichtstunden und Strahlungsintensität.
Bodenfeuchte: Von trocken (Xerofit) über frisch (Mesofit) bis feucht und nass (Hydrofit).
Boden­beschaffenheit: Humusgehalt, Nährstoffgehalt, pH-Wert und Durchlässigkeit.

Ergänzend werden je Lebensbereich typische Pflanzengesellschaften, natürliche Vorbilder aus der Wildnis sowie Gestaltungsempfehlungen beschrieben.

Die Lebensbereiche im Detail

Freiflächen, Steppe, Heide & Magerrasen

Außerhalb der Standorte von Bäumen und Sträuchern, auf freien, sonnigen Flächen gibt es vielfältige Situationen, in denen Stauden günstige Lebensbedingungen finden. Je nach Feuchtgehalt oder Wasserhaltekraft des Bodens werden unterschieden:

  • Stauden für trockene, durchlässige Böden, oft auch Hanglagen, Fr1,
  • Stauden für normale, frische Böden, Fr2, oder
  • Stauden für feuchte Böden auf Freiflächen, Fr3,
  • Stauden für nährstoffarme, bodensaure, sandige Flächen der Heide, H
  • außerdem Stauden für trockene, kalkhaltige Böden und warme, sonnenseits geneigte Flächen der Steppen-Heide, SH, oder

Der Lebensbereich umfasst u.a. offene, unbeschattete Standorte mit nährstoffarmen, durchlässigen Böden (FR1). Das Naturbild sind die Steppen Osteuropas, die Kalkmagerrasen der Mittelgebirge (SH) und sandige Heideflächen (H). Die Pflanzen dieses Lebensbereichs sind Überlebenskünstler: tiefgehende Wurzeln, kleine oder behaarte Blätter zum Schutz vor Austrocknung, und eine hohe Hitzetoleranz zeichnen sie aus.

Im Garten entsprechen dem: Südterrassen, Böschungen, Schottergärten, Beet-Streifen vor hellen Hauswänden, die Strahlung reflektieren.




Lebensbereich „Beet“, B

Für die in Gärten am häufigsten anzutreffende Standortsituation, dem Beet B, gibt es eine große Zahl an Stauden von stattlicher Gestallt und mit prachtvollen Blüten. Sie benötigen einen humosen, nährstoffreichen Boden, dessen Oberfläche durch flaches Hacken oder gelegentliches Graben offengehalten werden sollte. Bei den Beetstauden gibt es Leitstauden mit dominierender Funktion und Begleitstauden, die das Gartenbild ergänzen. Hierunter fallen eine große Anzahl an Pflanzen aus dem Lebensbereich Freifläche FR2-3.

Im Garten: normale Gartenbeete mit tiefgründigem, lehmigen Gartenboden. Dieser Lebensbereich ist für die meisten Hausgärten der Ausgangspunkt, da er dem typischen Gartenboden entspricht



Lebensbereiche „Steinanlagen“, ST

Viele Stauden fühlen sich im Bereich der Steine wohl. Manche sind nässeempfindlich und wachsen deshalb am besten in einem von Kies bzw. Felsbrocken durchsetzten Boden, den Felssteppen (FS).

Andere gedeihen selbst in flachen Bodenschichten über Felsen oder größeren Steinen, den Felsmatten (M).

Einige Pflanzen eignen sich bestens zum Pflanzen hinter den Mauer-Kronen (MK) von Trockenmauern oder in deren Steinfugen (SF). Viele Stauden des Lebensbereiches Steinanlagen eignen sich auch für Trogbepflanzungen und ähnliche Gefäße

Der Lebensbereich steht für extremste Trockenheit auf Rohböden ohne nennenswerten Humus. Das Naturbild sind alpine Geröllfelder, Flussbett-Schotterbänke und Trockenmauern. Hier wachsen nur hochspezialisierte Arten, die mit minimaler Wasserversorgung auskommen und sich tief verwurzeln.

Im Garten: Schottergärten (mit heimischen Arten), Fugen von Trockenmauern, Kies- und Splittflächen, Dachbegrünungen.

Auch als pflegearmer Vorgarten-Ersatz interessant – jedoch mit heimischen Arten, nicht mit Einheitsschotter!

Lebensbereich „Alpinum“, A

Dieser Lebensbereich beschreibt alpine und subalpine Felsstandorte. Hier wachsen Spezialisten mit miniaturisierter Wuchsform, intensiver Durchwurzelung des Felsuntergrundes und hoher UV-Toleranz.

Im Garten wird dieser Lebensbereich in Steingärten, Trockenmauern, Alpenpflanzgärten (Alpinum) und Felspflanzbecken nachgebildet.

Hierunter fallen auch viele Pflanzen des Lebensbereich Steinlagen (ST)
Wichtigste Voraussetzung: absolut kein Staunasser Boden – die meisten Alpenpflanzen sterben eher am Zuviel an Wasser als am Zuwenig

Lebensbereich „Gehölzrand“, GR

Der Lebensbereich beschreibt den Übergangsbereich vom offenen Garten zum Gehölzbestand – den sogenannten Waldmantel oder die Saumvegetation. Dieser Bereich ist reich an Arten, da er von beiden Lebensräumen profitiert: etwas Licht, etwas Schatten, Schutz durch Gehölze, dennoch wärmere Temperaturen als tief im Wald.

Im Garten: Beete am Rand von Sträuchern oder Hecken, unter lichten Obstbäumen, nördlich von Ziergehölzen. Der Übergangsbereich zwischen Rasen und Gehölzgruppe.

Am Rande von Baum- und Strauchgruppen, vielfach in gutem, humosem Boden finden zahlreiche Stauden optimale Standortverhältnisse. Zu beachten ist, dass einige Arten mehr den offenen, sonnigen, warmen, südseitigen Gehölz-Rand bevorzugen, andere gedeihen besser im kühlen, halbschattigen, nordseitigen oder dem wechselschattigen Gehölz-Rand jeweils mit trockenem Boden, GR1, frischem Boden, GR2, oder feuchtem Boden, GR3.

Lebensbereich „Gehölze“, G

Dieser Bereich umfasst die Bodenschicht unter Laubgehölzen. Das Naturbild ist der mitteleuropäische Laubmischwald mit seinem charakteristischen Frühjahrsaspekt: Bevor die Bäume austreiben, blühen Buschwindröschen, Scharbockskraut und Lungenkraut in einem kurzen Lichtfenster. Später übernehmen schattentolerante Dauerstauden.


Im Garten: unter Laubbäumen und großen Sträuchern, Nordseiten von Gebäuden, enge Schattenbereiche zwischen Mauern und Hecken. Oft unterschätzt – aber mit den richtigen Arten wunderbar gestaltbar.

Die verrottenden Blätter der Bäume sorgen für den erforderlichen humosen Boden und sollten nicht entfernt werden. Je nach Standort der Gehölzgruppen unterscheidet man Stauden für trockenen Boden, G1, und Stauden für frischen Boden, G2, und Stauden für feuchten Boden, G3

Lebensbereich "Wasser" W und „Wasserrand“, WR

Diese Lebensbereiche umfassen die unmittelbare Gewässerzone, wo die Böden dauerhaft durchnässt oder zeitweise überflutet sind. Das Naturbild sind naturnahe Bach- und Teichufer mit Schilf, Rohrkolben und mächtigen Röhrichtbeständen. Im Naturgarten ist die Teich- und Teichrandgestaltung oft Herzstück – und dieser Lebensbereich bietet die passenden Arten.

Für alle im Gartenteich üblichen Wassertiefen gibt es geeignete Stauden. Die Artenvielfalt ist in drei Gruppenunterteilt:

  • Schwimmblattpflanzen, sie wurzeln im Boden, ihre Blätter liegen überwiegend auf der Wasseroberfläche, W6.
  • Untergetauchte Pflanzen (submers), ihre Triebe und Blätter sind überwiegend unter der Wasseroberfläche, die Pflanzen wurzeln zumeist im Boden, W7,
  • wenige sind freischwimmend, W8

Für die durch große Bodenfeuchtigkeit gekennzeichneten Situationen am Rande von Teichen und Bächen, also an Ufern, die sich nicht streng abgrenzen lassen, eignen sich manche Stauden hervorragend. Einige Arten, die Sumpfpflanzen, bevorzugen mehr die äußeren Randbereich mit feuchtem bis nassen, zeitweise abtrocknenden Boden, WR4. Andere, die Röhrichtpflanzen, fühlen sich im dauernassen Boden oder im flachen Wasser wohler – WR5